Alt und Neu

31.12.2019

Ein denkwürdiges Datum. Das alte Jahr verlässt uns und nun entsteht eine neue Tradition. Schreib, schreib, sonst bist du verloren. Das hat fast 4 Monate geruht und gelegen und ist faul und träg geworden.

Ich sage Ja zu dem Neuen und wende mich ab vom alten Brauch. 

Das denke ich, während ich den Jasager zum wiederholten Male lese. Nun auch höre – und die Eindringlichkeit der Weillschen Partitur erstmals mir zu Gemüte führe. Mein Atem stockte schon beim ersten Lesen des kleinen Suhrkamp-Heftchens: Ein Knabe entscheidet sich für eine gefährliche Reise, um seiner Mutter zu helfen. Unterwegs wird er selbst krank und steht vor der Entscheidung, umzukehren oder für das Wohl der Gruppe zu sterben.

Beim Hören des 25-minütigen Stückes muss ich mich ablenken in dem Moment, in dem der Tod des Knaben entschieden wird, damit meine Gefühle nicht meine kalten, klaren, analytischen Fähigkeiten übertönen. Und doch: Ein kleiner Junge wird getötet, denn er kann den Weg durch die Berge nicht meistern. Das epische Theater hat für mich noch nie funktioniert. Ich kann mich selbst nicht aus der Einfühlung herauskürzen und erlebe wohl oder übel immer wieder kathartische Momente, ob ich will oder nicht. Ich fühle den Schmerz der Mutter, die schon im Vorfeld warnte. Die um die Gefahr wusste und so laut schon ahnte, dass die Zeit mit ihrem Kind so kostbar war.

Einer wird geopfert, weil er zu schwach für das Weiter-immer-Weiter-Streben der Gemeinschaft ist. So einfach ist es.  Das Weiter-immer-weiter-Sterben. Der Knabe wird um das Einverständnis mit seiner eigenen Tötung gebeten, doch das Urteil bleibt nicht ihm überlassen, denn die Antwort ist vorgegeben.

Es wird gefragt: „Verlangst du, dass man umkehrt deinetwegen?“ 

Doch: „..der Brauch schreibt auch vor, dass der, welcher krank wird, antwortet: Ihr sollt nicht umkehren.“ Und so wird er in völligem Einvernehmen ins Tal geschleudert.

In der Rezeption des Brecht-Weillschen Jasagers divergieren die Meinungen zur Deutung zwischenOpferbereitschaft als religiöser Aussage (Walter Dirks und Siegfried Günther), der Notwendigkeit des Opfers für Gemeinschaft (Klaus-Dieter Krabiel: Der Jasager / Der Neinsager, S. 246) oder als Verteidigung von Kadavergehorsam und sinnloser Autorität (Frank Warschauer in der Weltbühne). Helmut Kiesel dagegen hält provokant die rechtsnationale Gesinnung Ernst Jüngers als Spiegel daneben, nach der „die großen Aufgaben der Zukunft erforderten, dass „Freiheit und Gehorsam ‹…›identisch“ seien und eine große Zahl menschlicher Opfer „unter Zustimmung selbst der Leidenden“ vollzogen würden“, spricht sich jedoch gegen eine intendierte Widerstandswirkung des Jasagers als Lehrstück aus. Eher gehe es um ein vertieftes (Ein-) Verständnis mit den Regeln kollektiver Entscheidungen, die das Individuum als ggf. ersetzbares Teilchen einer Gemeinschaft sehen.

Sabine Kebir hingegen sieht das sinnlose und brutale Opfer des Jungen lediglich durch einen alten Brauch legitimiert und jenes soll „bei Mitspielern und Publikum zum Widerspruch führen und das Bewußtsein auslösen ‹…›, daß alte Bräuche nicht einfach übernommen werden dürfen, daß es nützlich sein kann, einen neuen Brauch zu begründen.“

Die Darstellung der Rezeption kann hier nur ganz verkürzt dargestellt werden, doch die unterschiedlichen Standpunkte und Blickwinkel werden wohl erkennbar und können nur als erster Input einer längeren Auseinandersetzung mit dem Jasager gesehen werden.

Ohne schon eine finale Wertung vorzunehmen – zu können oder zu wollen, soll hier nochmals wiederholt werden, dass beim Lesen der individuelle Atem stockt und sich Wut und Entsetzen breit machen im Angesicht der menschlichen Kälte, die im Jasager so greifbar wird. Nicht übersehen sollte man dabei auch die kurze Passage der Reisebegleiter des zum Tode verurteilten Knaben, die skandieren: „… auch, wenn ers verlangt [seinetwegen umzukehren], wollen wir nicht umkehren, sondern ihn ins Tal werfen.“ 

Nun wird der Jasager für den Gare du Nord neu aufgelegt und mit aktuellen Texten verschaltet. Ein aufregender Weg liegt bis April vor unserem Team und es wird hier weiterhin um Einverständnis mit Tradition, Erbe, Werktreue und dem Umgang mit und dem Aufbegehren gegen jene gehen.

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